Nachdem sich das Kosovo einseitig unabhängig erklärt hat und sogar international als Staat anerkannt wurde, will nun auch Südossetien diesen Schritt tun. Am Freitag möchten Abchasien und Südossetien die Teilnehmer eines informellen Treffens der GUS bitten, sie anzuerkennen. Abchasien hatte sich bereits am Sonntag von Georgien losgesagt und auch Südossetien möchte diesem Beispiel bald folgen.
Wenn man bedenkt, was die Südosseten in den letzten beiden Jahrzehnten durchgemacht haben, sollte man denken, dass es ihr gutes Recht ist, nun zu versuchen, sich von Georgien endgültig loszusagen. Allerdings stellt sich auch die Frage, was man von all den nationalen Bewegungen, die seit 1990 wieder salonfähig geworden sind, überhaupt halten soll. Ich persönlich halte überhaupt nichts von Nationalismus - welcher Spielart er auch sei. Ob die Akteure nun von den Medien als Freiheitskämpfer (Kososvo) oder als Separatisten (Basken, Südosseten) bezeichnet werden, einen Unterschied sehe ich nicht. Denn eine Abspaltung von Gebieten bringt meist keine Besserung der Gesamtlage der betreffenden Regionen und der neu entstandenen Länder. Wichtig ist vielmehr die Unterstützung einer “Kultur der Toleranz”, wenn man das so nennen kann. Viele Gräben werden nämlich erst künstlich zwischen den unterschiedlichen kulturellen und/oder sprachlichen Gruppen gegraben. In afrikanischen Ländern hat hierbei zum Beispiel der europäische Kolonialismus eine nicht kleine Rolle gespielt, wie ja bekannt ist. In anderen Regionen führten Zusammenbrüche von Staatenverbänden, die nicht jeder “ethnischen” Gruppe gerecht geworden waren, zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen “Volksgruppen”. Selbst in Deutschland kann man künstliche Konflikte erkennen. Man denke nur an die Immigrationsdebatten, den Begriff “Leitkultur” etc. Oft wird so getan, als ob Menschen mit unterschiedlichen kulturellen oder sprachlichen Hintergründen einfach nicht zusammenleben können. Besonders stark angegriffen werden in letzter Zeit in Deutschland lebende Muslime, die fast schon unter Generalverdacht stehen.
Das Problem muss deshalb an der Wurzel gegriffen werden. “Wie?”, das ist eine Frage, die ich hier und jetzt natürlich nicht beantworten kann. Dazu bedarf es weitreichender Analysen der einzelnen Konflikte und eines breiten Vergleichs derselben. Vielleicht ist es schon ein kleiner Schritt, wenn ‘Staat’ und ‘Ethnie’ nicht gleichgesetzt werden - und man “ethnische” Konzepte an sich abschafft und gleichzeitig jeder Sprache und Kultur gerecht wird, aber den einzelnen Menschen nicht nur darüber definiert. Denn über das 19. Jahrhundert sollten wir schon hinaus sein, könnte man zumindest meinen.
Um aber zurück zu den konkreten staatlichen Unabhängigkeiten zu kommen, so würde ich sagen: Alle oder keine. Da man aber schon angefangen hat, dürfen wir uns bald schon auf weitere Nacheiferer freuen. Davon könnte auch die EU betroffen werden. Man denke an die Flamen und Wallonen, an die schon genannten Basken, an die Schotten, um nur ein paar Minderheiten zu nennen.
Man denke aber auch an die russischen Minderheiten in den baltischen Staaten. Vielleicht kommen die ja auch irgendwann auf die Idee, sich unabhängig zu erklären und einen eigenen Kleinstaat zu gründen…
Klingt alles sehr unwahrscheinlich? Kann sein! Aber, wer hätte in den 1960er Jahren schon an ein Auseinanderbrechen Jugoslawiens geglaubt? Nein, da wird schon nichts passieren. Gedanklich experimentieren kann man allerdings mal, indem man einiges in seine nächste Umgebung projiziert. Außerdem ist ja jetzt Europa so etwas wie ein “einig Vaterland” - man muss sich nur noch mit allen Mitteln gegen die Armen der Welt abschirmen, mit deren Armut “wir” Europäer natürlich nichts zu tun haben…