Geschlechterstereotype mit Bart?

Interessant wieviel noch von gut 150 Jahre alten Geschlechterstereotypen in der heutigen Zeit herumspukt…

In psychischer Beziehung überwiegt bei dem W-e die Gefühlsseite. Während die Handlungsweise des Mannes durch Grundsätze, welche aus Überlegung u. Vernunftschlüssen hervorgehen, bestimmt wird, folgt das W. im Leben mehr ihren Gefühlen u. einem instinctmäßigen Empfinden des Schicklichen u. Schönen, welches nebst einem sehr oft hervortretenden Scharfsinn u. schnelleren Überblick der Verhältnisse dasselbe richtig leitet; während der Mann vermöge seiner höhern Geistes- u. Körperkraft den Kreis seines Wirkens über die Grenzen seines Hauses u. seiner Familie hinaus zu erweitern strebt u. nur als nützliches Glied der Staatsgesellschaft einen größern od. geringern Werth sich erringt, ist das W. auf ihr Haus angewiesen, kann in diesem Kreise als Hausfrau u. Mutter das Bild ihres ganzen Geschlechts repräsentiren, das höchste Ziel erreichen, welches die Natur dem ganzen Geschlechte vorgesteckt hat, u. findet im Besondern u. im engern Kreise sein Glück, seine Bestimmung;
[Lexikon: Weib. Pierer's Universal-Lexikon, S. 246632/246633 (vgl. Pierer Bd. 19, S. 14) http://www.digitale-bibliothek.de/band115.htm, Erscheinungsjahre der 4. Aufl: 1857 - 1865]

Kommt da irgendetwas irgendwem bekannt vor?

Zur Verdeutlichung hier ein Zitat von Fritz Hermanns aus einem Aufsatz, der sich mit Diskursen beschäftigt und als Beispiel den Geschlechterdiskurs in Lexikonartikeln thematisiert:

Scheinbar geht es dabei nur um die Vorstellungen davon wie die Geschlechter von Natur aus seien, also um die Ontik. Doch in Wahrheit geht es ebenso um die Deontik, d. h. darum, wie sich Frauen Männern gegenüber zu verhalten haben, wie sie sich verhalten sollen. [...] Es geht also um Einstellungen. Von den Frauen wird immer (implizit) verlangt, dass sie sich so verhalten, wie sie eigentlich ja sowieso sind. Das ist eine Denkfigur, die wir auch heute noch plausibel finden.
[Fritz Hermanns (2007): Diskurshermeneutik. In: Warnke, Ingo H. (Hg.): Diskurslinguistik nach Foucault. Berlin - New York: Walter de Gruyter, S. 187 - 210]

Da muß man ihm wohl recht geben. Denn wie sonst wäre es zu erklären, dass Eva Herman und Konsorten solche Erfolge feiern konnten und können? Der Mensch ist für eine Argumentation, die etwas als natürlich behauptet, anscheinend sehr empfänglich und hinterfragt solche Gedankengebäude nicht weiter. Es ist schließlich die Natur, die da waltet – da kann man nichts machen! Doch, solche Pseudotheorien im täglichen Umgang mit Menschen umstürzen!

Doch zurück zu diesem famosen Lexikon und dem Artikel “Weib”. Munter wurden hier auch Geschlechterstereotype mit ethnischen Stereotypen gemischt – et voilà:

Die russischen Frauen stehen im Auslande in keinem hohen Ruf u. im Lande in keiner hohen Achtung; es fehlt ihnen Sinn für Stille, Einfachheit, Thätigkeit u. Wirthschaftlichkeit. Wo sich Glanzpunkte für die russische Frauenwelt herausstellen, da sind gewöhnlich die Kaiserinnen von deutscher Geburt mit anregendem Beispiel vorangegangen, wie der Frauenverein in Petersburg, welcher sich unter der Kaiserin Alexandra, Gemahlin des Kaisers Nikolas, gebildet hat u. welchem mehre Waisenschulen ihr Entstehen danken. In den untern Ständen tritt der slawische Charakter deutlich hervor; die W-er spielen eine ganz untergeordnete Rolle. Den natürlichen Teint verderben die Russinnen durch häufigen Gebrauch der Schminke u. der Mißbrauch der Dampfbäder macht ihre Reize früh welk u. schlaff. In den männlichen, kräftigen Formen wohnt viel sinnliche Liebe u. glühende Leidenschaft.
[Lexikon: Weib. Pierer's Universal-Lexikon, S. 246647/246648 (vgl. Pierer Bd. 19, S. 17)
http://www.digitale-bibliothek.de/band115.htm, Erscheinungsjahre der 4. Aufl: 1857 - 1865]

Wieviel davon heute noch im Umlauf ist… Nun, das läßt sich leicht selbst herausfinden…

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