Kindern Flügel schenken und sie Raketen bauen lassen

Am 12. April 1961 flog Jurij Gagarin als erster Mensch ins All. Grund genug sich 50 Jahre später auch im Kinderbuchbereich auf vielfältige Weise mit dem Kosmos zu beschäftigen. Ein besonders gelungenes Beispiel ist “Juri fliegt zu den Sternen” von Susanne Göhlich. Hier geht es weniger um Wissensvermittlung als darum, die Entdeckerlust zu wecken und Kindern Selbstvertrauen zu vermitteln. Eltern spielen keine Rolle und es werden auch keine Erziehungsziele thematisiert. Inzwischen ja fast schon ein Qualitätsmerkmal, wenn man sich den von gutmeinenden Leitfäden, die als launige Geschichten mit ebensolch spaßigen Titeln daherkommen, überschwemmten Markt anschaut, deren erklärtes Ziel es ist, Eltern bei der Erziehung zu helfen. Aber gut, lassen wir das “Spalierobst”, an welches eine Christine Nöstlinger, die im übrigen sehr gute und unorthodoxe Kind-Eltern-Bücher (!) schreibt, das Wort “Erziehung” immer erinnert, beiseite.

Juri ist ein selbstbewusster Junge, der sich selbst die Aufgabe gestellt hat, in den Weltraum zu fliegen und zu diesem Zwecke eine Rakete baut. Der einzige Helfer ist Laika, sein fauler Dackel, der sich nur mit Würstchen aus der Reserve locken lässt. Und so fliegen die beiden mit der Wostok ins Unbekannte, werden bald von einem Weltraumwirbelsturm ergriffen und landen unsanft auf einen fernen Planeten. Doch es kommt noch schlimmer, der Planet wird nämlich von einem großen, stinkenden Groll beherrscht, der ohne Rücksicht auf Verluste Schrott sammelt. Glücklicherweise ist Juri findig genug, um die Rakete zu reparieren und den Groll auszutricksen.

Das Bilderbuch bezieht seine Stärke vor allem daraus, dass es Juri ernst nimmt und sein Abenteuer nicht in einen Traum auflöst, sondern ihm einen Beweis für das Geschehene überlässt. Alltag und phantastisches Erlebnis werden auch zeichnerisch miteinander verbunden. Juris Zuhause ist ländlich geprägt, wie nicht nur der Blick aus dem Fenster der Wostok nahelegt, und sein Zimmer enthält Gegenstände, die auch die meisten Kinder ihr eigen nennen. Er wird dadurch ausdrücklich nicht als Wunderkind oder Zauberlehrling dargestellt, sondern entspricht dem Jungen aus der Nachbarschaft. Seine Selbständigkeit zeigt sich zunächst im Bau der Rakete, den er ohne Anleitung und Wissen anderer vollendet.  Über sich hinaus wächst er aber erst, als der Weltraumausflug desaströs endet. Der Schrottplanet versammelt fast ausschließlich metallenen Zivilisationsmüll, der aber nicht pädagogisch vorgeführt, sondern lediglich bildlich dargestellt wird, wobei sich, wie auch bei der Darstellung der Heimatstadt Juris, ein zweiter Blick lohnt, da man zwischen vielem Angedeuteten auch allerlei Konkretes entdecken kann. Glaubhaft erscheint es deshalb, dass Juri tatsächlich alles findet, um die Wostok zu reparieren. So entkommen Laika und er dem Groll, der wiederum nicht als an sich böse dargestellt wird, sondern einfach ein rücksichtsloses Wesen ist, das Weltraumwirbelstürme heraufbeschwört, um an seinen geliebten Schrott zu kommen. Dabei sieht er aus wie die Mischung aus einem Bären, einem Affen und einem schlechtgelaunten Hausmeister, wenn man dieses Wunderding mit Worten überhaupt beschreiben kann.

Es ist Göhlich gelungen ein locker erzähltes Bilderbuch zu schreiben und zu illustrieren, das kleine Kinder auf spannende Weise in den Weltraum entführt und das über eine reine Hommage an Jurij Gagarin weit hinaus geht.

Göhlich, Susanne (2011): Juri fliegt zu den Sternen. 1. Aufl. Frankfurt a. M: Moritz.

2 Antworten

  1. Das Buch haben wir bereits im Regal, es ist wunderschön!.. Danke für die Empfehlung!

    • Danke, Waldemar! :-)

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